Die Gechinger Tracht

 

Allgemeines
Die Tracht der Bauern in der Art einer gleichbleibenden Uniform wie weithin angenommen wird gab es nicht. Die Kleidung der Bauern und Handwerker war zu keiner Zeit einheitlich. Sie war stets von den modischen Entwicklungen und Strömungen, die von den Städten ausgingen, beeinflusst. Vergleicht man die Kleidung eines Bauern im Jahr 1690 mit der Kleidung um 1850 im gleichen Ort, so hat man zwei ganz verschiedene Trachten vor sich. Die Ursache dafür ist, dass es sich bei der Tracht um eine stagnierende Mode handelt, die im häuslichen Bereich und von den Dorfschneidern immer wieder den Bedürfnissen angepasst und verändert wurde. Neben den selbst hergestellten Stoffen kamen immer wieder durch Händler und Krämer neuartige und fremde Stoffe aufs Land, die dann in der Kleidung bzw. Tracht ihren Niederschlag fanden. Im 17. und 18. Jahrhundert gab die Regierung des Öfteren den ländlichen Ständen durch sogenannte "Kleiderverordnungen" an, wie sie sich zu kleiden oder nicht zu kleiden hatten. Jeder Stand hatte detaillierte Unterschiede in der Kleidung, Unterschiede auch durch Reichtum und Armut. Es ging sogar noch weiter - an der Tracht war zu erkennen, ob man ledig, verheiratet oder in Trauer war.
Nach der französischen Revolution verloren die Kleiderordnungen ihre Bedeutung. In den Städten änderte sich die Mode immer schneller, auf dem Lande blieben die Bewohner zunächst bei ihrer alten Kleidung. Dadurch kam es zu einem starken Gegensatz zwischen städtischer Mode und ländlicher Tracht. In den stadtnahen Gebieten verwischte sich der Unterschied schneller als in abgelegenen Dörfern.
Ein großer Unterschied herrschte zwischen der Kleidung am Sonntag und der am Werktag. Das, was man gemeinhin als "Tracht" bezeichnet, ist meistens die Fest- bzw. Sonntagskleidung. Die schlichteren Werktagstrachten fristeten fast immer ein klägliches Dasein. Da die Landbevölkerung hart arbeiten musste, brauchte sie eine überaus strapazierfähige Kleidung. Dazu eignete sich am besten Leder oder grobes Leinen. Vor 1840 trugen die meisten Männer Lederhosen, später verbreitete sich die Tuchhose. Bei den Frauen prägte sich Ende des 17. Jahrhunderts vor allem ein Kleidungsstück aus, das bis heute den eigentlichen Grundstock jeder weiblichen Tracht bildet: Der weite, faltenreiche, schwere, rechteckig geschnittene Rock. ("Gut betucht" zu sein, spiegelte einen großen Wohlstand, war doch das Tuch der teuerste zur Rockherstellung verwendete Stoff). 3- 5 m weit war der Rock in Gechingen sicherlich, da aus den umliegenden Gegenden ähnliche Weiten bekannt sind.
Ab 1880 wurden auch fertig gekaufte Röcke, Blusen und Schürzen getragen. Kleider kamen um 1900 auch auf dem Lande in Mode. Aus den Inventuren (amtliche Aufschriebe über das Erb- oder Hochzeitsgut) können wir Rückschlüsse auf die damals getragenen Kleidungsstücke ziehen.

S`Häs

von Felix Schweizer aus Giltlenga
S`Häs isch, was dr Schwob uff am Leib hot - am Sonntich Sonntichshäs, em Werdich Werdichshäs. S`ìsch also des wa da Leib zudeckt, wega dr Kelte, dr Wärme on weil mr schinand isch! On iberhaubt siagt mr ao, obs a Mole isch oder a Weible on ob die Leit reich sen oder arm oder ob oiner Geldung hot, a Kneacht isch, a Gegg isch oder a hoffährtigs Mensch, a Schlambr oder a Zuddel! Außerdem siagt mer, ob dui Leit vom Wald rakommad, vo dr Alb ra, oder vom Neggerschtrand, vom Gai oder vom Oberland, vo dr Baar on Bodasee, vo dr Jagscht oder vo Hall, vom Waldland wo des Holz wachst, vom Rheiland, wo reift dr Rebasaft! Mer siagt also am Häs, woher se senn on ao, ob se g`heiert senn, ledig senn oder traura dent. Weiter siagt mer dem Häs a, obs a gwenlicher Sonntich isch oder a Feierdag wia hoilige drei Kenig mitta em Wenter, Faschtasonntich, wenns Kiachla geit, Karfreitich, wa ans Kreiz erinnert, Aoschtrasonntich, zom Schnatzagalla, weißer Sonntich, Chrischti Hemmelfaart, er isch ufferschtanda, Pfengschtsonntich, d`Butza laufat, Fronleichnam, Mariä Hemmelfaart, Allerhoilige, Daotasonntich, degad an de Daote, z`Weinächt, dr Crischt isch gebora! On des älles sieagt mr an dr: Haub, Huat, am Kittl, am Mantl, am Leibrock, an dr Wescht, am Hemmad, am Bruschtblätz, am Schlupf, am Goller samt Poadr on Nuschter, an dr Uhr on an dr Keddamm, an de Schtrempf, an de Schua, am Schuurz, am Grätta, an dr Lederhos on am Marktschtegga!

Nachgewiesene Kleidung in Gechingen

Nachstehend zwei Beibrings-Inventuren (Aussteuer zur Hochzeit) aus Gechingen von Samuel Ludwig Wagner, geheiratet 1849 und seiner Tochter Katharina Luise Schneider, geb.Wagner, geheiratet 1873.

Mannsbilderkloidr

1 Huat
1 alder Huat
1 Sammatkapp
1 tuchene Kapp
1 schwaarzseidnes Halstuach
1 blotuchner Iberrock
1 alder Iberrock
1 Manschester Wams
1 äldra Wams
2 Weschta
1 Baar Lederhosa
3 Baar wollene Strempf
5 Baar verschiedne Strempf
2 Baar Stiefl
12 nuie Hemder
16 alde Hemder

Weibsbilderkloidr

10 Hauba
6 seidne Halsticher
8 halbseidne Halsticher
1 schwaarztuchna Kittl
1 schwaarztuchna Rock
1 Baar Schua
1 Tibet-Schuurz
3 tuchna Kittel
15 verschiedne Röck
15 verschiedne Schirz
6 Baar wollne Strempf
10 Baar bomwollne Strempf
1 schena Huat
12 nuie Hemder

Anhand der "Dokumentation über die ländliche Kleidung in Gechingen von 1820 - 1880" von Joachim Faitsch kann man sich die Gechinger Tracht ungefähr so vorstellen:
Mannsbildertracht, bestehend aus
a) schwarze Samtkapp oder
b) schwarzem Dreispitz,
c) weißem Hemd aus Leinen mit kleinem Stehkragen oder einer Hemdschnalle,
d) gelbe oder schwarze Kniebundhosen aus Hirschleder,
e) Hosenträger mit Blumenstickerei,
f) rote Weste aus Tuch mit 18 Eisen-Halbkugelknöpfen oder Kugelknöpfen auf einem ausknöpfbaren Stoffstreifen, wegen dem besseren Putzen für die Jüngeren und eine Samtweste für die Älteren,
g) schwarze gestrickte Wollstrümpfe,
h) Wams aus schwarzem Samt mit halbkugelförmigen Metallknöpfen,
i) schwarze kniebundhohe Stiefel aus weichem Rindsleder oder knöchelhohe Schnürstiefel
j) blauer, wadenlanger Mantel, Oberteil wie das Wams geschnitten, aus Tuch.
Frauentracht, bestehend aus
a) schwarzer Bändelhaube,
b) schwarzem Tuchrock (oder schwarz-violett-kariert) 3- 5 m weit, Länge zwischen Wade und Knöchel, oberer Bund Stehfalten, unten eine rote Besatzlitze,
c) blauem, einfarbigem baumwollenem Schurz für den Sonntag, gestreifte Schurze für den Werktag,
d) schwarzem Kittel in Bolero-Form und Schinkenärmel aus Leinen für werktags, aus Tuch für sonntags,
e) schwarzes, seidenes Halstuch in viereckiger Form, zum Dreieck gefaltet, in verschiedenen Mustern,
f) weiße, gestrickte baumwollene Strümpfe für die Jüngeren, für die Älteren oder für werktags schwarze Strümpfe,
g) schwarze Halbschuh, teilweise genagelt, niedrige Absätze mit und ohne Schnallen,
h) als Schmuck eine Granatkette mit silbrigem oder goldigem Schloss, auch umgearbeitete 2-3-reihige Granathalsketten,
i) Leible aus Zitz (feiner Kattun), rot, mit schwarzem Karo,
k) weißes Leinenhemd,
l) geflochtenes Handkörbchen.

Diese Zusammenstellung bestätigt die Oberamtsbeschreibung von 1860, in der über die Tracht berichtet wird:
"Erstere besteht bei den Männern in dem dreispitzigen Hut, meist blauen Tuchröcken, den Sommer über auch in Zwilchröcken, schwarzen oder gelben Lederhosen, Brusttüchern von dunklem Manchester mit gewöhnlichen oder Rollknöpfen, nicht selten auch noch, besonders in Deckenpfronn, Dachtel und Gechingen in roten Brusttüchern mit eng besetzten Rollknöpfen; die ledigen Burschen tragen häufig die pelzverbrämte, mit goldener Troddel versehene Mütze und statt des Rocks ein tuchenes Wams.
Die weiblichen Personen sind meist dunkel gekleidet, tragen reich gefältete Wiflichsröcke und als Kopfbedeckung das deutsche Häubchen, den Sommer über nicht selten den Strohhut."
Auch in "Mönchs Heimatkunde" von 1925 wird die Tracht so beschrieben. Allgemein lässt sich sagen, dass in Gechingen und Umgebung das Trachtentragen recht bald (ca. 1840) aufgehört hat und später bloß noch einzelne Teile aufgetragen worden sind.
In der Oberamtsbeschreibung steht noch folgendes:
"Dass sie in den Städten, Bädern und in Orten, die an frequentierten Landstraßen liegen, der städtischen und halbstädtischen Tracht gewichen ist."

Stoffarten

Stuckbletz - Kleiner Abschnitt, oberes oder unteres Ende einer Stoffbahn
Femmeltuch - Sehr raues Leinen
Kammertuch - Feinste Leinwand, ähnlich Batist
Kölsch - Eine Art Barchet mit blauem Karo, in Köln eingefärbt
Federitt - Eine Seite haarig, zu Bettschläuchen verwendet
Barchet - Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle
Reusten - Starke gute Leinwand aus gehecheltem Flachs
Engelsaith - Leichter Wollstoff, englischer Satin
Distelsaith - Aufgerauter Stoff, mit Distelkarde
Boyen - Lockerer Wollstoff, wie Flanell
Wifling - Grobes Gewebe,aus Leinen und Wolle für Trachtenröcke
Kattun - Leichter Baumwollstoff, gewebt
Zeugle - Baumwolltuch, Schürzen
Zitz – Baumwollstoff

Letze Änderung Mittwoch, 12 Dezember 2018 22:25
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