Gechinger Spottnamen
 
 
Es gibt in Gechingen, wie wohl in jedem Dorf, alte Bezeichnungen, deren Bedeutung man nicht mehr so recht weiß. Dazu gehört auch der Gechinger Übernamen „Schäppele“. Noch als Schulkind in Althengstett riefen mir die Kamerädle oft nach: „Du Gechinger Schäppele!“ Ich fragte unseren Vater, den Heimatforscher Karl Friedrich Eßig, was das heißen sollte und er erklärte mir, das käme von der „Schappel“, der Frauenhaube, wie sie alle Frauen früher hatten - wie zum Beispiel die Witwe Bolte bei Max und Moritz. Die Gechinger Frauen hätten sie wohl länger getragen, als es überall der Brauch war und daher käme vermutlich der Gechinger Spitzname.
Seither ist viel Zeit vergangen, und als man sich auf die alten Zeiten wieder besonnen hat, tauchte auch die Frage nach dem „Schäppele“ wieder auf, es gab teilweise wilde  Spekulationen darüber. Zum Glück existiert für den schwäbischen Dialekt eine unanfechtbare Autorität, das „Schwäbische Wörterbuch“, der „Fischer“. Hermann Fischer (1851 - 1920) hat 1901 den ersten Band herausgebracht, 1936 folgte der letzte. Es waren also noch andere Wissenschaftler beteiligt, der Name „Fischer“ steht aber für sie alle. Man ahnt, dass es ein monumentales Werk ist. Als wir uns mit der Gechinger Chronik befassten, habe ich einige der Bände in der Landesbibliothek in Stuttgart zu Rate gezogen. Es sind insgesamt sieben und sie sind derart groß und schwer und standen zudem weit oben, dass ich jedes Mal bei der Benutzung Angst hatte, so ein schweres Teil fiele mir auf die Füße oder gar auf den Kopf. Dieses Wörterbuch umfasst den schwäbischen Wortschatz, wie er Jahrzehnte vor und nach der Jahrhundertwende zum 20. Jh. gesprochen wurde mit allen regionalen Verschiedenheiten sowie die historische Sprache aus schriftlichen Zeugnissen wie Urkunden und Chroniken - ein unglaubliches Werk, das zur Achtung vor den Verfassern, aber auch vor der Reichhaltigkeit unseres schwäbischen Dialekts nötigt. Heute ist auch der „Fischer“ digitalisiert, Norbert Jensen hat herausgefunden, dassdie Bände 1, 2, 3 und 5 in der Online Bibliothek der University of Michigan verfügbar sind. Er hat sich in deren System eingearbeitet und die Suchmaschine bemüht, und ist fündig geworden. Das Ergebnis ist nicht überraschend, das Wort „Schappel“ ist ja heute noch im Gebrauch.  „Schappel“ ist der Kopfputz, zumeist von Frauen, und in allen möglichen Formen Bestandteil der bäuerlichen Trachten, manchmal nur getragen von den ledigen Mädchen, manchmal hat es auch die Funktion einer Brautkrone.  Es stammt vom französischen „chapeau“ (gesprochen „Schapo“). „Schäppele“ ist die Verkleinerungsform. Für uns interessant ist der Abschnitt über die „Schappelhaube“. Da heißt es im Fischer: „Kleine, über dem Scheitel spitz hervorstehende, hinten mit Glasperlen gestickte, unter dem Kinn mit breiten Seidenbändern gebundene Haube, schwarz“. Als ich das las, habe ich mich sofort an ein Foto im Buch „Heimat Gechingen“ und die Erzählungen meiner Gechinger Großmutter Marie geb. Maier erinnert. Sie sprach viel von ihrer Ahne väterlicherseits, die immer so ein kleines, spitzes, schwarzes Häuble auf dem Kopf gehabt habe. Sie habe einen „Knipfel“ auf dem Kopf gehabt und ihn immer mit dem Häuble bedeckt. Ohne diese Information könnte man das Häuble übersehen oder für einen Teil der Frisur halten. Aber es stimmt alles, auch die relativ breiten  Bänder, mit denen das Häuble unterm Kinn gebunden ist, sehen Sie selber! Das Foto ist dem Buch „Heimat Gechingen“ entnommen und ist eins der ältesten aus Gechingen, das erhalten geblieben ist. Die Qualität ist natürlich nicht so toll, aber das kann man in diesem Fall auch nicht erwarten. Wahrscheinlich war das das letzte „Schäppele“, das in Gechingen getragen worden ist und das auch nur, weil es den „Knipfel“ der Ahne verdecken sollte. Das Foto stellt übrigens sicher nicht das Ehepaar Süßer/Graskunz dar, wie darunter steht, sondern seine Tochter Sophie Heinrike Maier geb. Süßer (1828-1906) und ihren Ehemann Jakob Friedrich Maier (1830-1902). Ihre Urgroßeltern Süßer hat meine Großmutter nicht gekannt, es war schon selten, dass ein Kind alle vier Großeltern erlebte, wie es bei meiner Großmutter (geb. 1882) der Fall war.
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Schäppele“ ist in neuerer Zeit verloren gegangen. Eine Ähnlichkeit im Wortklang mit „scheppern“, „kleppern“,  „schättern“ , Worte, die alle in lautmalerischer Weise das Geräusch des Klapperns und Klirrens widergeben,  hat offenbar zu der Deutung Gechinger „Klepperle“ geführt. Im Dialekt heißen Mohnkapseln „Klepperle“ nach dem Geräusch, das sie machen. So nannte man sie allerdings eher in Althengstett, in Gechingen sagte man „Magsome“ oder „Ölmage“.  Einen besonderen Bezug zu Gechingen haben Mohnkapseln nicht, man hat überall Mohn angebaut. Dagegen hat mir eine über 80jährige Verwandte erzählt, dass sie als ganz junges Mädchen zusammen mit ihren Gefährtinnen, als sie Deufringen zu im Wald arbeiteten, von einem Deufringer als „Gechinger Klepperle“ beschimpft worden sei. Dabei sei deutlich geworden, dass der Mann meinte, in Gechingen „kleppere“ es, sobald man  den Boden dort bearbeite, weil er so steinig sei. Da ist was dran.
Neuerdings wird der Name auch mit besonderer Geschwätzigkeit in Verbindung gebracht, die Gechinger Frauen würden, sobald einige beieinander sind, lauthals zusammen schättern, sie seien rechte „Schätterle“. Ich kenne nur „Schätterbasen“, und es sei dahingestellt,  ob sie in Gechingen mehr schättern als anderswo. Mit den Spottnamen tat man ja einander nach Möglichkeit schandlich, und es war sowohl logisch, die Gechinger ihrer rückständigen Hauben als auch ihrer steinigen Äcker wegen zu verspotten. Heute, wo es kaum mehr Bauern in Gechingen gibt, hat man mit „geschwätzig“ wieder eine neue Deutung gefunden, Sprache ändert sich ja immerfort.
Jedenfalls ist es schön, dass man auf dem Umweg über Amerika am Schreibtisch etwas über die Besonderheiten unseres Dialekts erfahren und Entdeckungen machen kann! In Corona-Zeiten wird uns so recht bewusst, was für spannende Ausflüge möglich sind, auch wenn man ans Haus gefesselt ist!

Erika Albert Essig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letze Änderung Dienstag, 02 Februar 2021 17:10
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