Gechinger Frauen aus vier Jahrhunderten

Die Gechinger Frauen waren keine Heldinnen oder Stars. Sie tauchen aus dem Schatten der Vergangenheit nur deshalb auf, weil Andere über sie geschrieben haben oder sie griffen selbst zum Stift. So werden keine Heldentaten geschildert, sondern der Alltag mit seinen Sorgen und Plagen.

Auf dem Land waren Frauen mehr eingeengt als in der Stadt, ein Abweichen vom vorgeschriebenen Werdegang war nicht möglich. Das Leben war hart und mühsam, von Kind an mussten Mädchen sich an schwere Arbeit gewöhnen. Das war bei den Männern zwar nicht anders, den Mädchen blieb jedoch fast ausnahmslos jede Chance zu Bildung und Ausbildung über den Beruf der Bäuerin hinaus verschlossen.

Die Frauen hatten ihren eigenen Bereich, die Arbeitsteilung war sinnvoll – einfach durch biologische Tatsachen vorgegeben. Die Frauen, vor allem Mütter, die kleine Kinder zu versorgen hatten, versahen Haus und Garten, auch das Kleinvieh, die Männer übernahmen die Schwerar-beit auf dem Acker. Im Allgemeinen wurde die Arbeit der Frau in ihrer traditionellen Rolle auf dem Land aber geschätzt und anerkannt. Von der guten Haushaltführung der Frau hing das Geschick der Familie nicht weniger ab als von der Arbeit des Mannes – und das war allen bewusst. Das Aufgabenfeld der Hausfrau war breit gefächert, außer den üblichen Verrichtungen gehörten u. a. Vorratshaltung dazu und die Beschaffung und Pflege von Textilien. Je nach Geschick und Neigung kam oft noch ein Nebenverdienst dazu durch stundenweise Lohnarbeit etwa oder durch Stricken, Sticken oder Weißnähen. Es hat viele Frauen auf dem Land gegeben, die in keiner Weise „aus dem Rahmen fielen“, aber ein reiches und erfülltes Leben hatten. Von einigen von ihnen wird hier erzählt, aber auch von ledigen Frauen, die ihr eigenes Leben führten und auch „ohne den Mann etwas galten“.

Es folgen Kurzbiographien in chronologischer Reihenfolge, zugrunde gelegt wird das Geburtsjahr.

Rosine Weller gest. 1692                                                      

Christine Katharina Breitling geb. Quinzler  1838             

Bärbel 1840                                                                        

Rosine Schaible 1853                                                         

Katharine Magdalene Weiß geb. Schneider 1875              

Emma Wuchter 1885                                                          

Tillie Jäger 1898          

Frauen als Chronistinnen, ebenfalls nach dem Geburtsjahr geordnet

Anna Margarete Gehring geb. Rüffle 1761                         

Luise Weiß geb. Gehring 1858                                            

Rosine Süsser geb. Süsser 1862                                            

Amalie Böttinger geb. Gräber 1869                                      

Katharine Magdalene Weiß geb. Schneider 1875                        

Ottilie Steimle geb. Vetter 1902                                           

Rosine Weller, gestorben um 1692

Keinerlei schriftliche oder mündliche Überlieferungen sind über das Leben der Rosine Weller auf uns gekommen. Doch hat sich ihr Gedächtnis bei den Gechinger Frauen über 200 Jahre lang erhalten (300 ist leicht übertrieben!) und wie das kam, schildert ein Gedicht von Johannes Böttinger:

Rosinentag (1907)

Nun gibt's Wein am Rosinentag,

wie lacht den Weiberleut das Herz,

weil niemand ihnen wehren mag,

das Recht zu frohem Trinkgelag,

wohl diesesmal am 11. März.

Das ist ein altverbrieftes Recht,

nun bald 300 Jahre hier,

dass von Geschlecht man zu Geschlecht

der Rosine Weller gedächt

als Stifterin, das lohnt sich schier.

Die alte Jungfer war gescheit -

kein Grundkapital legt sie an,

bezahlen läßt sie andere Leut,

bedenkt nicht, dass in künftiger Zeit

einst alles anders werden kann.

Bloß 30 Jahre stand es an,

bis etwas zu verteilen ist,

ein volles Viertel Wein alsdann

sich jede Frau jetzt leisten kann,

das Leben dies doch sehr versüßt.

Die Sach wohl auch nicht sehr gedeiht,

denn keine hat daran gedacht,

an dieser langen, langen Zeit,

dass sie nutzt die Gelegenheit

und reicher diese Stiftung macht.

Ein Gulden Zuwachs jedes Jahr,

das heißt nicht viel in unserer Zeit,

fast kam die Stiftung in Gefahr,

da mancher schon der Ansicht war,

sie aufzulösen, wär gescheit.

Auszug aus einem Zeitungsartikel; „Ein einzigartiges Fest feierten am 11.3.1909, dem Namenstag der Rosine, unsere Gechinger Frauen. Laut letzter Verfügung einer Rosine Weller von 1692, hat der Hausbesitzer des Wellerschen Hauses jährlich einen Gulden an die Gemeinde zu zahlen. Wenn die Summe genügend groß ist, soll jede verheiratete Frau oder Witwe einen Schoppen Wein trinken. Da aber jetzt mehr Frauen da sind als vor 300 Jahren und auch der Wein teurer ist als damals, so dauerte es 32 Jahre, bis es etwas zum Ausschenken gab. Es entfielen diesmal 36 Pfennige auf jede Frau. In den 300 Jahren hat sich keine Nachahmerin gefunden, die die Stiftung bedacht hätte, um so den Frauen schneller zu Wein zu verhelfen.“

Im Gemeinderat wurde der Fall schon am 10. 11.1908 verhandelt und folgendes Protokoll verfasst: Rosine Weller hat nach der ältesten vorhandenen Gemeinderechnung von 1712/13 ein Kapital von 20 Gulden gestiftet, woraus der Zins mit 1 Gulden jährlich den hiesigen Weibern zum Verzehren zukommen soll. Diese Stiftung ruhte auf dem Hause des Jakob Schwarz bzw. seiner Rechtsnachfolger, offenbar in der Weise, dass eine Art Pfandrecht auf diesem Gebäude bestellt worden ist. Von dem Besitzer des Hauses wurde diese Stiftung bzw. Leistung pro 1903/04 im Wege freier Übereinkunft abgelöst und es bekam die Gemeinde statt der stiftungsmäßigen 20 Gulden ein Ablösungskapital von 500 Mark, die dem Grundstock der Gemeindepflege einverleibt worden sind. Weiterhin wurde nach der Gemeinderechnung 1760/61 Blatt 21 und 136 b mit der oben genannten Stiftung eine weitere Stiftung im Betrag von 20 Gulden vereinigt und fortan der Zins aus zusammen 40 Gulden Kapital, also jährlich 2 Gulden, für die hiesigen Weiber zum Verzehren verwendet. Diese weitere Stiftung rührt von Zinsrückständen aus der ursprünglichen Stiftung her und es lautet der diesbezügliche Eintrag in der Bürgermeisterrechnung von 1760/61 folgendermaßen:

"Auf Rosina 1761 von Haus Georg Krauß zuvor Jakob Schwarz, so von Zinsrückständen aus dem von Rosina Wellerin auf des letzteren Haus und Hofraithen gestifteten ewigen Zins herrührt und allhiesigen Weibern jährlich zu verzehren legiert, vordem das Interesse von 20 Gulden, 1 Gulden."

Wie schon oben bemerkt, wurde diese Stiftung schon im Jahr 1760/61 mit der ursprünglichen Stiftung vereinigt und das Erträgnis aus dem Gesamtstiftungskapital von 40 Gulden bis auf die neuste Zeit dem ursprünglichen Willen der Stifterin gemäß verwendet bzw. zur Verwendung nachgeführt.

Aufgrund oberamtlichen Abhör-Recesses zur Rechnung von 1868/69 wurde jedoch eine Trennung der beiden Stiftungen vorgenommen und die letztgenannte Stiftung (von angesammelten Zinsen herrührend) als Passiv-Kapital, d.h. als Guthaben der Weiber, in der Gemeinderechnung nachgeführt. Diese Behandlung der Sache steht aber mit der tatsächlichen Rechtslage und mit der schon vor ca. 148 Jahren getroffenen Bestimmung durchaus nicht im Einklang; um einen Anspruch der jetzigen Generation an die schon vor 148 Jahren angesammelten und als Stiftungskapital definierten Stiftungsziele kann es sich doch wohl nicht mehr handeln und so erscheint es zweifellos als das einzig richtige, wenn die zweite Stiftung im Betrag von 20 Gulden den früheren Verfügungen gemäß mit dem Grundstock der ursprünglichen Stiftung vereinigt wird. Hierüber, sowie über die Verwendung der bis 31.März 1908 unverwendeten Zinsen wird heute Beratung gepflogen und von beiden Kollegien einstimmig beschlossen:

Die aus angesammelten Zinsrückständen entstandene Stiftung im Betrag von 20 Gulden = 34 Mark 29 Pfennig mit dem Grundstock der ursprünglichen Stiftung zu ver­einigen und daher das Gesamtstiftungskapital auf den Betrag von 50 Mark und 34 Mark 29 Pfennig und 84 Mark 29 Pfennig festzustellen.Den Zins aus diesem Gesamtstiftungskapital vom 1.April 1908 an in angemessenen Zeiträumen zur Verteilung zu bringen, da die stiftungsgemäße alljährliche Verteilung in Anbetracht der gesteigerten Weiberzahl und des gesunkenen Geldwertes nicht mehr möglich ist. Ein Abzug von Steuern und Verwaltungskosten an dem Stiftungserträgnis soll der Geringfügigkeit wegen unterbleiben.

Die bis 31.März 1908 angesammelten unverwendeten Stiftungszinsen im Betrag von 96 Mark 63 Pfennig sollen der früheren, wohl auf dem Willen der Stifterin beruhenden Übung gemäß am nächsten Rosinentag (11. März 1909) zur stiftungsmäßigen Verwendung kommen und auch bei künftigen Verteilungen der Stiftungserträgnisse soll dieser Tag (wie bei den Verteilungen im 18. Jahrhundert) wieder maßgebend sein. Schultheiß und beide Kollegien

Lebenslauf der Christine Katharine Breitling geb. Quinzler

Geboren wurde Christine Katharine am 8.4.1838. Ihre Eltern waren der Bauer Johann Georg Quinzler und Margarete Heim verwitwete Graskunz. Sie wurde 1852 konfirmiert; nicht ganz drei Jahre später verlor sie schon ihre Mutter. Eine ältere Schwester war zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet, drei Brüder waren noch zu Hause, der jüngste erst dreizehn Jahre alt. Christine Katharine blieb es überlassen, das Hauswesen zu versorgen. Treulich stand sie ihrem Vater bei und half ihm bei der Arbeit.Am 22.10.1861 heiratete sie Johannes Breitling. Mit diesem lebte sie über 30 Jahre lang in glücklicher Ehe. Zehn Kinder hat sie geboren, von denen aber nur zwei überlebten. Im Lauf ihres Lebens musste sie schwere Krankheitszeiten erleiden. Sie starb im Alter von 53 Jahren und 8 Monaten am 3.1.1892.

 Bärbel

Es muss um 1890 gewesen sein, als eine resolute Frau - ihr Name ist nicht überliefert - von sich reden machte. Nach einem häuslichen Streit, der wohl in Handgreiflichkeiten ausartete, rannte der Ehemann auf das Rathaus und zeigte seine Bärbel wegen tätlichen Angriffs an. Der Schultheiß versuchte, den Mann zu beruhigen, und schickte dann den Dorfbüttel, auch Pollis genannt, um die Bärbel zu holen. Er sollte sie vorläufig in die Arrestzelle im Rathaus einschließen, um sie später zu verhören. Als der Pollis die Zelle aufschloss, sagte die Bärbel zu ihm: „Glaubsch du, en des Loch gang i nei?“ Sie gab dem Pollis einen Stoß, dass er in die Zelle wankte, machte die Türe zu und schloss ab. „Wardet, i will eich zeiga, wia mr Weibr eischperrt!“ Mit diesen Worten entfernte sie sich. Kurze Zeit später, als der Schultheiß auf dem Wege in seine nahegelegene Wohnung war, begegnete ihm auf der Straße die Bärbel. Er fragte ganz verwundert:„Bist du es, Bärbel? Ich hab dich doch einsperren lassen! Wo ist denn dein Begleiter?“Die Bärbel lachte ihm ins Gesicht. „Moascht du denn, des lass i mir gfalla? I han mein Ma gschtellt!“ Über den weiteren Verlauf der Geschichte ist leider nichts bekannt!

Kinderschwester Rosine (Rösle) Schaible)

Die Kleinkinderschule oder der Kindergarten, wie es heute heißt, wurde am 17. Juni 1853 eingeweiht. Das Calwer Wochenblatt meldete damals: „Am 17. Juni wurde in Gechingen in einem freundlich gelegenen Parterrezimmer des Schulgebäudes eine Kleinkinderschule mit zwei Lehrerinnen und 80 Kindern feierlich eröffnet." Katharine Gräber leitete die Kleinkinderschule bis zum Januar 1900. Dann hörte sie altershalber auf. Als neue Bewerberin meldete sich Rosine Margarete Schaible, geboren am 26.5.1870. Die Gemeinde sandte sie auf ihre Kosten zur Ausbildung als Kindererzieherin nach Großheppach. Diese Ausbildung kostete damals 114 Mark. Rosine Schaible trat ihren Dienst am 30.4.1901 an und betreute ganze Generationen von jungen Gechingern bis zum Jahre 1937, als sie ihren Dienst beendete. Sie starb 1947 im Alter von 77 Jahren. 1926 besuchten 73 Kinder, 1929 61 Kinder den Kindergarten. Ab 1929 stand Rosine Schaible eine Helferin zur Seite. Natürlich musste Tante Rösle auf Ordnung halten und strikten Gehorsam einfordern, es wäre gar nicht anders möglich gewesen. Heute wäre eine so strenge, fast militärische Disziplin undenkbar. Ihre Nachfolgerin und eine Helferin betreuten im Jahr 1944 ungefähr 44 Kinder.

Hedwig Roller geb. Weiß schrieb in ihren Erinnerungen: Während des Nachmittagskindergartens mußte jedes Kind auf einem "Spreuer-Säckle" (Spreu vom Getreide in Kissen) schlafen. Diese Säckle waren in einer großen Kiste verstaut und wenn man sie öffnete, sprangen oft ganz viele Mäuse heraus, zur Belustigung von uns Kindern. Schwester Rösle war damals schon ein altes Fräulein und betreute uns Kinder, ca. 50 - 60, allein. Wir lernten Lieder, spielten draußen im Schulhof und gingen manchmal „mit dem Strickle" spazieren, d.h. die Kinder mussten sich abwechselnd rechts und links an einem Seil festhalten, an dem Schwester Rösle dann die ganze Schar führte. Spielzeug gab es nicht viel, ich kann mich nur an Holzklötzchen erinnern.“

 Lebenslauf von Katharine Magdalene Weiß geb. Schneider

Katharine Magdalene Weiß geb. Schneider wurde geboren am 20.4.1875 als zweites Kind des hiesigen Bauern Christian Friedrich Schneider und seiner Ehefrau Katharine Luise geb. Wagner. Das erste Kind, einen Sohn, verloren die Eltern schon 1 1/2 Monate nach der Geburt, und Katharine Magdalene blieb das einzige Kind. Als sie 5 Jahre alt war, starb ihre Mutter und der Vater war gezwungen, sich wieder zu verheiraten, um seiner Tochter eine Mutter zu verschaffen. Ihre zweite Mutter, Christine Katharine geb. Riehm zog sie auf. Als Siebenjährige bekam sie noch eine Schwester namens Luise Katharine, geb. am 1.3.1882.

Als Katharine Magdalene ungefähr 12 Jahre alt war, erlebte sie mit ihrer Familie einen furchtbaren Schrecken durch einen Brand, der das elterliche Haus und die Nachbarhäuser zerstörte. Auch die schlimme Zeit danach, bis alles sich wieder halbwegs normalisiert hatte, war eine unvergessliche Erfahrung in ihrem Leben. Zur Konfirmation erhielt sie den Denkspruch: "Wachset in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn."

Nach dem Ende der Schulzeit war sie dann im Hause tätig und machte einen Haushaltungskurs in Herrenberg. Mit 22 Jahren heiratete sie den 6 Jahre älteren hiesigen Bauern Georg Ludwig Weiß, in dessen elterliches Haus sie nun einzog. Fünf Kindern durfte sie das Leben schenken, von denen das dritte und das vierte Zwillingsbuben waren. Einer starb schon nach 3 1/2 Monaten.

Im Laufe ihres Lebens wurden ihr in der Gemeinde verschiedene Ämter anvertraut, was beweist, dass sie das Vertrauen vieler besaß. Sie war Vorsteherin des landwirtschaftlichen Hausfrauenvereins und lange Jahre im Krankenpflegevereinsausschuss und im Gemeindedienstausschuss tätig. Diese Aufgaben erfüllte sie mit großer Freude, erst im Alter wurden sie ihr auch manchmal zur Last.

Ein Schlaganfall setzte am 16.5.1935 ihrem Leben ein rasches Ende. Ihre Enkelin, Hedwig Roller geb. Weiß, schreibt über sie:

„Die Großmutter Weiß war im ganzen Ort beliebt und bekannt. Wenn sie die Wöchnerinnen besuchte, brachte sie den entfernter Verwandten einen Hefezopf, den näher Verwandten eine Biskuittorte. Zu diesen Besuchen nahm sie mich öfters mit. Es gefiel mir sehr, die kleinen Babys angucken zu dürfen. Der Großvater Ludwig Weiß war ebenfalls eine sehr bekannte Persönlichkeit im Ort; er war Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister, auch Kirchengemeinderat und ging mit meiner Großmutter zusammen jeden Sonntag in die Kirche. Meine Großmutter trug dann stets einen Hut, was in Gechingen nur wenige Frauen taten. Zu Hochzeiten waren meine Großeltern auch oft eingeladen und nahmen mich manchmal mit. Weil es eine Bratwurst gab, begleitete ich sie gern. Im Haus meiner Großeltern verkehrten die Honoratioren des Ortes, Schultheiß, Lehrer und Pfarrer. Bekannt waren die Klaviervorträge von Ludwig Weiß. Im Jahre 1935 verstarb meine Großmutter Weiß ganz plötzlich. Sie erlitt während des Waschens im Waschhaus einen Hirnschlag und wurde mit einem Leiterwagen nach Hause gebracht. Da niemand außer mir zu Hause war, schickte man mich zum Großvater aufs Feld, um ihn zu verständigen. Zwei Tage später war sie tot, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.“

Unter der Leitung von Katharine (Käthe) Weiß, Hohe Gasse, entfaltete der Hausfrauenverein eine rege Vereinstätigkeit. Nach dem 1. Weltkrieg bestand eine Ortsgruppe des Bauernbundes Gechingen, dem der Hausfrauenverein zugeordnet war. Belegt sind aus dieser Zeit Reisen und Besichtigungen von Mustergütern.

Es folgen Ausschnitte aus verschiedenen Zeitungsartikeln aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die über Aktivitäten von Käthe Weiß berichten.

So 1921: Die Arbeit des landwirtschaftlichen Hausfrauenbundes besteht hauptsächlich in der Organisation von Koch- und Nähkursen. Es wird Wert darauf gelegt, dass auch die Töchter der Hausfrauen Mitglieder werden.

1928: (Abschlussveranstaltung nach einem von K. Weiß organisierten Kochkurs) Die Vorsitzende, Frau Käthe Weiß, begrüßte die Mitglieder und Gäste. Sie hatte keine Mühe gescheut, um den Kochkurs zusammen zu bringen und den Abend schön zu gestalten. Allerlei Darbietungen, Gesänge, Gedichte, Musik- und Theaterstücke wechselten in bunter Reihe.

1929: Käthe Weiß organisierte einen Filmvortrag über Zuckergewinnung und Schokoladenfabrikation im Gasthaus Hirsch.

1930: (Geselliger Abend des Hausfrauenbundes) Nach einem Vortrag von Käthe Weiß folgten Gedichte von Tillie Jäger. Weitere Gedichte lasen Hilde Dürr, Else und Hedwig Bantel, Lore Weiß, Käthe Wuchter, Mathilde und Helene Schwarz. Es folgten Lieder und zwei Theaterstücke.

1931: Auf Anregung von Käthe Weiß wurde ein Krankenpflegekurs mit 17 Teilnehmerinnen veranstaltet. Der Kurs soll im nächsten Jahr wiederholt werden.

1934: Der landwirtschaftliche Hausfrauenverein ist durch die Parteiorganisation der NS- Frauenschaft überflüssig geworden. Die neue Leiterin, Frau Schwarz, beglückwünschte die seitherige, langjährige Vorsitzende Frau Weiß zu ihrem Geburtstag. Ebenso bedankte sich die BDM- Führerin Gretel Breitling für die seitherige treue Führung. Käthe Weiß ihrerseits bedankte sich in humorvoller Weise mit Geschichtchen aus ihrer 20 jährigen Vereinsführung.

1935: Im Alter von 60 Jahren verstarb Käthe Weiß. Sie wurde unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen. Ihr Haus wurde von Hilfe- und Ratsuchenden nie vergeblich aufgesucht.

Emma Wuchter

Emma Wuchter wurde am 15.6.1885 in Gechingen geboren. In den Jahren 1924/25 besuchte sie die Hebammenschule in Stuttgart und war dann in Gechingen und Umgebung bis zum Jahre 1952 als Hebamme tätig. In dieser Zeit hat sie ca. 400 Kindern ans Licht der Welt verholfen.

Wie beschwerlich der Hebammenberuf früher war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Im Normalfall war Emma Wuchter zu Fuß unterwegs. Manchmal wurde sie auch mit dem Fahrrad abgeholt und auf die Lenkstange oder den Gepäckträger gesetzt und so zur Wöchnerin gebracht. Dort sprang sie dann oft auch bei Haus- und Stallarbeiten ein, besonders, wenn schon einige Kinder da waren. Sie kochte, versah den Haushalt und scheute sich nicht, das Vieh zu füttern und die Kühe zu melken. Um ihr kärgliches Gehalt aufzubessern, betrieb sie noch eine kleine Landwirtschaft und hielt zwei, drei Geißen und ein Schwein.

Für die Gechinger Bevölkerung war Emma Wuchter nicht nur "d'Hebamm", in vielen Familien war sie "d'Tante Emma". Sie verstand auch viel von Krankenpflege, so dass ihr Rat im Krankheitsfall geschätzt wurde und etwas galt. Ihre Äcker und Tiere versorgte Emma Wuchter auch noch im Ruhestand.

Viele Geschichten kursieren von unserer Hebamme Emma Wuchter, die alle dafür bezeichnend sind, dass sie sich immer zu helfen wusste. Als sie einmal nach Althengstett gerufen wurde, kaufte sie dort bei einem Bauern ein Ferkel. Aber wie sollte sie das Tier nach Gechingen bringen? Kurz entschlossen entlehnte sie bei einer Bekannten den Kinderwagen, packte das Ferkel hinein und deckte es zu. Dann machte sie sich auf den Heimweg. Unterwegs traf sie einaltes Weiblein, das unbedingt das "Kendle" sehen wollte. Sie nahm an, es sei das letzte Neugeborene aus Hengstett. „Dees sieht aber ganz seim Vadder gleich", lobte die Alte. Unsere Hebamme machte keinen Versuch, den Irrtum aufzuklären, und schob den Kinderwagen weiter.

Zusammen mit ihrer Schwester hielt sie ein paar Geißen. Im Laufe der Zeit ging die Haltung von Geißen immer mehr zurück und auch Emma Wuchter hatte nur noch eine. In unserem Ort gab es da aber längst keinen Bock mehr. So führte sie ihre Geiß in einem alten Kinderwagen nach Althengstett, später auch nach Stammheim oder Aidlingen zum Bock. Doch auch dort ver-schwanden mit der Zeit die Böcke, nur in Dagersheim war noch einer zu finden. Unsere Hebamme packte resolut zu gegebener Zeit die Geiß in den Seitenwagen des Motorrades eines freundlichen Helfers, setzte sich auf den Rücksitz, und los ging die Fahrt!

Ihren 80.Geburtstag konnte sie noch mit vielen Freunden und Bekannten in der Festhalle feiern. Am 11.12.1966 starb Emma Wuchter.

 Tillie Jäger - eine Skizze ihres Lebens

Ottilie Jäger, von Kind an "Tillie" genannt, kam am 2.10.1898 zur Welt. Ihre Mutter, Pauline Ottilie geb. Böttinger, stammte aus Gechingen und war das einzige Kind ihrer Eltern, der Vater war Prokurist in Stuttgart, die Familie lebte dort. Die kleine Tillie wurde in das gehobene bürgerliche Milieu hineingeboren. Es ist schwierig geworden, sich in die Zeit um die Wende zum 20. Jahr-hundert auch nur annähernd hineinzudenken. Gerade die "Höhere Tochter", die Tillie ihr Leben lang blieb, gilt heute geradezu als Witzfigur. Die Mädchen bekamen aber eine sorgfältige, wenn auch einseitige Ausbildung, die sie auf ihre zukünftige Stellung als Leiterin eines gutgeführten Haushalts vorbereiten sollte, was auch die Pflege kultivierter Geselligkeit einschloss.

In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg war nicht vorauszusehen, dass eine Epoche unwiderruflich zu Ende gehen würde. Schlimm war, dass die jungen Frauen und Mädchen aus "gutem Haus" in dem felsenfesten Glauben erzogen worden waren, dass Maßstäbe und Werte, aber auch die äußeren Umstände ihres Lebens unverrückbar feststanden, und dass sie die Traditionen nur zur unbedingten Richtschnur ihres Lebens machen mußten, um Sicherheit und Lebensglück zu gewinnen. Tillie erlebte Kindheit und frühe Jugendzeit in der Stadt als einziges, verwöhntes Kind ihrer Eltern. Auf alten Fotos sieht sie aus wie eine Prinzessin; die Kleider, die sie trägt, passen zu dem feinen Gesichtchen und der zierlichen Gestalt. Nicht ohne Rührung liest man in ihren ersten Gedichten, wie glücklich sie damals war. 1912 beendete der jähe Tod ihres Vaters, der sie und ihre Mutter wie ein Schock traf, diese Zeit.

Die Mutter suchte wohl instinktiv wieder den Schutz ihres Elternhauses und kehrte mit der Tochter nach Gechingen zurück. Tillie musste die Höhere Töchterschule verlassen und noch ein paar Monate lang die Dorfschule besuchen, da sie noch schulpflichtig war. Wahrscheinlich entstand zu dieser Zeit schon der Zwiespalt der Gefühle den Bewohnern ihres Heimatdorfes gegenüber, der in Tillie immer präsent blieb. Sie fühlte sich oft abgelehnt und missverstanden, fand aber liebevolle Zuwendung und uneingeschränkte völlig unkritische Bewunderung und Anerkennung daheim bei Mutter und Großeltern. Die starke Bindung an sie, das großelterliche Haus und das Dorf, das sie als "Ahnenheimat" bezeichnete, verfestigte sich immer mehr und blieb ebenfalls bestimmend für ihr ganzes Leben.

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs verhinderte die geplante Rückkehr in die Stadt. So blieb Tillie abgeschnitten von jeder weiteren Ausbildung. Sie versuchte zwar, sich weiterzubilden durch Lesen und Klavierspielen, sie fing auch schon damit an, Gedichte und Texte zu schreiben, aber in diesem Alter hätte sie einfach noch Anleitung und Umgang mit Gleichaltrigen aus ihrem eigenen Milieu gebraucht. Die Großmutter starb 1914 und 1917 auch der Großvater. Tillies ständige Klage, dass ihre Mutter und sie seither hätten ohne männlichen Beistand auskommen müssen, deutet, wie noch vieles andere, darauf hin, dass sie Veränderungen, die die Zeit mit sich brachte, nicht wahrhaben wollte. Die finanzielle Zukunft der Frauen schien gesichert, Tillies Vater hatte sein Vermögen in mündelsicheren Papieren für sie angelegt. In der Inflationszeit, die Tillie später "lnflationsverbrechen" nannte, verloren sie dann ihr ganzes Geld. Während Renten und Ähnliches erhalten blieben, verschwand das dem Staat anvertraute Kapital einfach spurlos. Tillie und ihre Mutter lebten von dieser Zeit an in bescheidenen, ja dürftigen Verhältnissen. Tillie wurde nach und nach verbittert und misstrauisch, was ihr Leben auf dem Dorf noch mehr erschwerte. Die Mutter trieb die kleine Landwirtschaft um, die ihr geblieben war, und vermietete ab und zu ein Zimmer. Tillie gab Klavierunterricht, manchmal konnte sie auch ein Gedicht oder einen Text in der Zeitung veröffentlichen, aber viel brachte das alles nicht ein. In den zwanziger Jahren verfasste sie ihre Heimatspiele, die damals mit Erfolg aufgeführt wurden und ihren Ruf als Heimatdichterin mit begründeten. Auch unterhielt sie eine umfangreiche Korrespondenz, teils mit recht hochstehenden Leuten.

Ihre Stärke und ihre Bedeutung für das Dorf liegen aber meines Erachtens weniger auf literarischem Gebiet, sondern beruhen auf ihren Leistungen als Chronistin. Sie sah sich, gerade weil sie sich von der Dorfge-meinschaft nach Möglichkeit isolierte, ihre Vorfahren aber verehrte, als „Hüterin der Traditionen", interessierte sich für die Geschichte des Dorfes und schrieb auf, was mündlich überliefert worden war und ihr bekannt wurde. Sie fühlte sich nicht in der bestehenden Gemeinschaft geborgen, sondern in der Reihe der Ahnen. Sie war stolz auf ihre Abstammung und immer bestrebt, die Verdienste ihrer Vorfahren ins richtige Licht zu rücken. Vieles aus dem einstigen Alltagsleben des Dorfes wäre für immer vergessen, wenn sie nicht über größere und kleinere typische Begebenheiten berichtet hätte. Es ist und bleibt aber traurig, dass sie ihr Leben lang weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben mußte. Das war aber damals das Los vieler begabter Frauen.

Der Rest ist schnell erzählt. Sie blieb auf dem Dorf und das Leben wurde immer schwieriger für sie. Die Mutter starb 1956, damit fiel auch ihre geringe Rente weg. Tillie kämpfte, wie schon vorher, verbissen weiter um den Ertrag ihres in der Inflationszeit verlorenen Vermögens und wehrte sich gegen den Vorwurf, sie lebe auf Kosten der Gemeinde. Es gelang ihr dann auch, sich als eine Art Kompensation für ihr Vermögen eine winzige Rente zu sichern. Dennoch musste sie die ihr noch verbliebenen landwirtschaftlich nutzbaren Grundstücke nach und nach verkaufen, um von dem Erlös ihren Lebensunterhalt mit zu bestreiten. Zum Schluss konnte sie jahrelang nicht aus dem Haus und wurde von Verwandten von ihrer Mutter Seite her versorgt. So durfte sie doch noch die Hilfsbereitschaft und die Unterstützung der Verwandten aus dem Dorf in reichem Maß erfahren. Nach einem Krankenhausaufenthalt kam sie in ein auswärtiges Pflegeheim. Die Nichten besuchten sie dort noch regelmäßig, bis sie nach acht Monaten am 15.11.1975 starb.

Sie hat sich, finde ich, Anspruch auf ehrendes Gedenken erworben, denn sie war "getreu bis in den Tod".

Die folgenden drei Gedichte geben einen Eindruck ihres dichterischen Schaffens:

Im Ährenfeld (1919)

Der Sonne Glanz liegt über dem Land,

ein Mäher steht an des Ackers Rand.

Leis kommt der Sommerwind daher,

er streichelt sanft das Halmenmeer.

Vorbei ist längst die Zeit der Saat,

die Sense blitzt, es fällt die Mahd.

Und allen Blumen, blau und rot,

und allen Ähren winkt der Tod.

Die Heimatflur und Gottes Kraft

Ist 's, die uns Brot nun wieder schafft.

Bringt auch der Alltag Schweiß und Plag:

Die Ernte reift, 's ist Erntetag.

Um Lichtmeß (1938)

Es guggt a gremmich kalter

Wentertag zom Faischter rai,

uff de Dächer, uff de Gassa

liegt a haoher Schnai.

Heit bleibt älles en dr Schtuba,

Vatter, Muatter on ao d´Buaba!

D´Ahna an dr Konkel schpennt,

dr Vatter am Ofa Besa bend,

d`Muatter Buabahosa flickt

bis d`Nochbere se mit ama B´suach beglückt.

No holt se ihr Schtrickzeig on noddelt druff los,

´s Kloinschte vorschloft uff dr Nochbere Schoß.

´S Redeflißle plätschert ganz leis,

weil jede ebbes anders woiß,

vom Feld, vom Flecka, von Freid on Leid,

vo frohe Fescht on ao vo Schtreit,

was guat isch - was oim grad net g´fällt,

on wia halt so dr Lauf dr Welt.

So goht es langsam em Obad zua,

vom Schtall mahnt zom Fuadara a kräftigs Muh.

Da guggt uff oamol mit rosigem Schai

dr Obadhemmel zu de Faischter rai,

so goldig on klar als wia suscht em Mai,

wär net so haoh no dr glitzrige Schnai.

“Heit isch Lichtmeß”, moat d´Ahna drzua.

“D`Weiber d`Konkel vergess”, sait der älteschte Bua.

“Bei Dag eß”, fällt dr Nochbere ai,

“ball wurd Wenterruah voriber sai!”

“Doch”, sait Muader beim Ausanandergeah,

“mir hen schao a Zipfele vom Frihling gseah”.

Oser Uffamärgamänndle (1973)

Mit freiwillige Arbeitsstonda

send de letzte Maura g'schwonda,

s'Koatza-Gässle isch jetzt breit

ond passt guat en d'neie Zeit.

Bloß isch mit dem Konsomeck

au des Uffamärgamänndle weg.

Des hot en dr alta Zeit

d' Leit verschreckt ond au erfreut.

Z'letzta war´s nemme viel nutz,

doch stoht ´s ontrem Denkmalschutz.

Se hent's drom fotografiert,

ens nei Rathaus eiquartiert.

Ond do wartet´s mit de Leit,

bis a Heimatstube geit.

Ond do kriagt´s sei Ehraplätzle,

do behütet´s manches Schätzle.

Wen es sonscht no intressiert,

´s ischt em Hoimetbuch notiert,

Ond mr ka da drenna lesa

wia es früher isch gewesa.

Es hoißt, ´s Datum sei net richtig

ond des isch ganz b'sonders wichtig,

weil bestemmt der Frazosama

kam net achtzehnhondertdreizehn na,

Wo ao Gechenger Bürgerseh

henn müssa mit nach Russland geh.

Noi, schao em achzehnda Johrhondert

hot mr d'Franzosa g'fürcht ond bewondert.

Se häbat a ganz neie Idee:

Liberté, Egalité ond Fraternité.

Bloß isch bis jetzt, du liabe Zeit,

no weit zu dera Herrlichkeit!

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -

die fehlt ons heit no weit ond breit.

Freile no vor siebzig Jahr,

des klingt beinah wonderbar,

hot ´s Männdle no a Rolle g'schpielt

ond en nobla Zweck erfüllt.

Ischt erscht d´Obadglock verstommt,

hieß es:"´S Uffamärgamänndle kommt!"

Ond dr Ruaf hot wirklich g'nutzt,

d'Kender hend glei d' Platta putzt,

gucket no em Elternhaus

hehlinga zom Fenster naus,

ob sich's richtig au erweist,

ob sich seha lässt der Geist.

Freile hot en koiner g' seha,

doch es lässt sich gut versteha:

Alt-Gechenga des Männdle mag

bis herein en onsre Tag.

 In “Heimat Gechingen” S. 59 steht über das “Uffemärgemänndle”: “Die Jahreszahl 1813, die dabeisteht, gibt keinen Aufschluss über sein wahres Alter. Da an dieser Stelle einst das Hengstetter Tor war, könnte es im Zusammenhang mit dem damaligen Torheiligen stehen. Es könnte auch eine Erinnerung an den Nachtwächter oder an durchziehende Truppen darstellen. Der Name steht wohl in Beziehung zu der abendlichen Ave Maria Glocke. Wenn sie läutete, mussten die kleinen Kinder zu Hause sein, und das “Uffemärgemänndle” musste aufpassen, dass dieses Gebot auch befolgt wurde.”

Tillie hat sich wohl die Meinung zu eigen gemacht, das Männlein sei eine Erinnerung an durchziehende Franzosen. Ende des 18. Jahrhunderts lagen in Gechingen öfters Franzosen. 1972 wurden zwei Scheuern und ein Wohnhaus an der “Kunzengasse” abgerissen, so konnten dort der zentrale Fleckenparkplatz und die Omnibushaltestelle entstehen. Das “Konsumeck” mit dem “Uffemärgamänndle” mußte weichen.

                                                Frauen als Chronistinnen

Es folgen Berichte und Notizen, wie sie von Gechinger Frauen in der Familienbibel aufgezeichnet wurden. Diesen Eintragungen verdanken wir, dass wir über viele Ereignisse, die unsere Vorfahren bewegten, Bescheid wissen und Einblicke in das Leben von damals erhalten, wie z. B., dass man in Dürrezeiten das Vieh mit Heckenschnitt fütterte, wenn man kein Gras mehr hatte.

Aus der Bibel von Anna Margarete Gehring

Die ältesten bekannten Eintragungen in eine Bibel in Gechingen stammen von Anna Margarete Gehring, geb. Rüffle, geboren am 21.10.1761, † 4.3.1805, sie heiratete am 9.11.1784 Georg Simon Gehring.

Die Einträge gehen über mehrere Generationen, sie folgen nicht chronologisch aufeinander, sondern sind offenbar da eingefügt worden, wo es eben Platz gab. Die Bibel blieb im Familienbesitz, es gibt Berichte über einen Zeitraum von 150 Jahren. Vor allem Todesfälle in der Familie sind vermerkt. Der letzte Eintrag ist dann vor allem so eine Art Fortführung des Familienregisters bis in die (damalige) Gegenwart.

Seite 1

Mein Bruder Georg Ludwig Gehring ist gestorben in Deufringen den 24.August 1885.

Sara Schwarz geb. Gehring Dieß hat geschrieben seine Schwester.

(Sara Schwarz geb. Gehring, 1821-1898 ist die Enkelin der Anna Margarete Gehring geb. Rüffle, der ersten Besitzerin der Bibel und Tochter ihres Sohnes Johann Jakob Gehring 1792 – 1869)

Seite 2

Margaretha Rüfflerin zu Gächingen 1781

Nichts gleicht unseres Herrn Gesetzen, weil sie ohne Tadel seyn, sie Erquicken, sie Ergötzen, sie beleben in der Pein, Herr, dein Zeugniß, dass ich preiße, ist gewiß, macht Thoren weiße, ja es ist des Herrn Befehl richtig und Erfreut die Seel.

Wohl dem, der Lust hat an dem Wort deß Herrn und sich damit ergötzet Dag und nacht. Der wird seyn wie ein Baum gepflantzet an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelcken nicht, und alles waß er macht, dass geräth wohl.

Werfe deine Lust an dem Herrn, der wird dir geben, was dein Hertz wünschet.

Unten auf der Seite ein schlecht leserlicher Zusatz:

„Dießes Buch gehört dem Enkel Sara Rosine Gehring“

Diese Zueignung und Widmung war sicher ursprünglich das erste Blatt des für handschriftliche Einträge bestimmten Teils.

Seite 3

Auf dem nächsten Blatt steht noch eine Widmung, in sehr verschnörkelter Schrift:

 Anna Margreda Rieflerin zu Gächingen Anno 1782

 Nimm diese Schrift in Acht.

Es ist dein Glück auf Erden.

Es wird, so wahr Gott ist,

dein Glück im Himmel werden.

Seite 4

Den 26.11.1852 ist mir mein Sohn gestorben, Jakob Friedrich Gehring, und ist zur Erde bestattet worden den 28.11.1852. Seine Techstes* Worte waren aus 2. Timotheus im 2. Kapitel Vers 8 u.9.

*Heute würde man sagen: Der Text seiner Leichenpredigt war. . .

Meine Lebenszeit verstreicht,

stündlich eil ich zu dem Grabe;

und wie wenig ists vielleicht

das ich noch zu leben habe?

Denk, o Mensch an deinen Tod,

Säume nicht, den eins ist noth.

Er hat sein Leben gebracht auf 30 Jahre. Dieses hat geschrieben sein Vater Johann Jakob Gehring. (Sohn der Anna Margarete Gehring geb. Rüffle)

Seite 5

Gechingen, den 7. Dez.1869

Ist mein Vater gestorben. Er hat sein Leben gebracht auf 76 Jahre. Seine Techstes- (Textes) Worte waren: Bis hieher hat der Herr geholfen. Johann Jakob Gehring u. geboren ist er den 1.Sept.1792

1877 Den 31. Mai ist meine Mutter, gestorben

Letze Änderung Mittwoch, 12 Dezember 2018 22:25
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