Handarbeiten – ein Querschnitt durch eine jahrtausendealte Entwicklung

Datum: Jul 7, 2019 14:00:00
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Diesmal ging es um von Hand hergestellte Arbeiten aus textilen Werkstoffen von den Anfängen in grauer Vorzeit an bis zum heutigen Tag, an dem der Reiz kreativen Schaffens und das Streben nach Nachhaltigkeit voll im Trend liegen. Laura Jensen und Robert Grothues haben es sich zur Aufgabe gemacht, uns die Entwicklung aufzuzeigen, soweit sie sich zurückverfolgen lässt. Das Weben, eines der ältesten Handarbeitstechniken, wurde schon in der Jungsteinzeit vor etwa 30 000 Jahren erfunden, als die Menschen sesshaft und die Jäger allmählich zu Bauern wurden. Wärmende und schützender Kleidung war in den langen und harten Wintern überlebenswichtig. Die ersten Webstühle waren Gewichtswebstühle, in denen die Kettfäden frei herunterhingen, durch Webwirtel beschwert. In Gechingen ist durch Funde von Webwirteln nachgewiesen, dass hier zur Merowingerzeit, die von ungefähr 500-750 n. Chr. währte, damit gewoben wurde. Am Sonntag wurde uns die ebenfalls sehr alte Variante des Brettchenwebens vorgeführt und man konnte Webpläne dazu einsehen. Mit dem Weben entwickelte sich das Spinnen, denn man brauchte dazu Fasermaterial, das sich zu einem endlosen Faden verarbeiten ließ. In Europa waren das vor allem Wolle und Flachs, die mit der Handspindel zu Garn gesponnen wurden. Der Weg von der Faser und Rohwolle zum fertigen Garn wird demonstriert; manches, wie das Spinnen mit der Handspindel nebst anderen geeigneten Handarbeitstechniken, kann auch selbst ausprobiert werden, erklärt wird alles Ausgestellte. Ebenfalls eine uralte Handarbeit ist das Nähen. Schon Felle wurden mit Fischgräten, Horn oder spitzen Knochen zusammengeheftet, die man als Ahle gebrauchte, und Tiersehnen oder Lederbändchen dienten als Nähmaterial, noch ehe man gelernt hatte, Garne und Nadeln mit Öhr herzustellen. Für Verschlüsse verwendete man noch sehr lange vor allem Schnüre und Bänder. Auch ihre Herstellung wird gezeigt. Knöpfe kamen erst später auf. Laura Jensen und Robert Grothues haben ein mittelalterliches Männer- und ein Frauengewand, wie es um 1250 von Menschen niedrigen Standes getragen wurde, nach damals gebräuchlichen Methoden hergestellt und teilweise mit pflanzlichen Farbstoffen selbst gefärbt, das ist schon was zum Staunen und fordert Vergleiche zu heute heraus!

Das Sticken hat ebenfalls eine sehr lange Tradition. Man lernte zunächst, Garne, meist mit pflanzlichen, aufwändig herzustellenden und daher teuren Farbstoffen zu färben, was teilweise, soweit möglich, auch demonstriert und erklärt wird. Dann verzierte man Kleidung, aber z. B. auch Wandbespannungen oder Altartücher mit kunstvollen Stickereien, zunächst beim Adel oder der hohen Geistlichkeit. Dann drang Gesticktes auch in Bürgerhäuser vor und zum Schluss wurde es Allgemeingut. Christa Essig wird aus den vielen Handarbeiten im Appeleshof zusätzlich vor allem heimische Stickarbeiten ausstellen.

Ob wohl schon zur Merowingerzeit die Gechingerinnen an den langen Winterabenden das „Außelaufen“ pflegten und zum Spinnen wie später zum Stricken, Häkeln, Nähen und Sticken beieinandersaßen? Die Ältesten unter uns können sich an diesen alten Brauch noch erinnern. Es fällt auf, dass bisher vom Stricken und Häkeln noch nicht die Rede war, das kam auch erst viel später als Spinnen und Weben auf. Zwar ist der Vorläufer des Strickens, das Nadelbinden, auch eine sehr alte Handarbeit, die es erlaubt, mit Nadel und Faden flächige Textilien herzustellen und vor allem für Handschuhe, Socken uns Mützen sehr geeignet ist. Diese vergessene Handarbeit wird am Sonntag auch demonstriert, fünf verschiedene Stiche werden gezeigt. In Deutschland wurde das Nadelbinden bis etwa 1550 noch ausgeübt, dann wurde es durch das Stricken völlig verdrängt. Etwa 300 Jahre lang bestanden beide Techniken nebeneinander. Häkeln setzte sich erst im 19. Jh. durch. Strick- und Häkelarbeiten mit ihren unendlichen Möglichkeiten zur Herstellung von Mode und Heimtextilien werden in vielen Varianten ausgestellt. Zu Wolle und Lein als Handarbeitsmaterial waren längst auch Baumwolle und Seide gekommen, im 20. Jh. wurden durch Kunst- und Mischfasern die Möglichkeiten noch einmal erweitert. Als man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelernt hatte, synthetische Textilfarbstoffe herzustellen, die bunte Vielfalt zu erschwinglichen Preisen möglich machten, profitierten die Handarbeiten auch davon.

Ein Streifzug durch die Jahrtausende, der die Entwicklung der überlebenswichtigen Produktion von Textilien zu Kleidung und Ausstattung wie Tüchern aller Art, Säcken und Beuteln in uralter Zeit bis zum Hobby von heute nachvollzieht, wartete am Museumssonntag auf uns.


 

Letze Änderung Donnerstag, 20 Dezember 2018 21:11
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